Alte Fürze, Clownsköpfe und ’ne Montecristo zum Rioja

Was vom ersten Open-Tage übrig blieb …

Vor einiger Zeit hat Sandy Lyle, der Open-Champion von 1985, dem schottischen Landsmann und Senior-Tour-Debütanten Colin Montgomerie dringend angeraten, die Altherren-Runden nicht auf die leichte Schulter zu nehmen: „Eine Menge der ,old farts‘ beherrschen das Spiel immer noch!“ In Muirfield ist Lyle nicht vorne dabei. Montgomerie, der zwischen 1993 und 2005 bislang unerreichte acht Mal Europas Golf-Geldadel angeführt hat, blieb schon in der Qualifikation hängen. Aber ein paar andere „alte Fürze“ ließen‘s während der ersten Runde richtig krachen. Begünstigt von einem sonnengedörrten und sowieso gutgereiften 124 Jahre alten Platz, auf dem die endlos lang ausrollenden Bälle den Schlaglängen-Nachteil der fortgeschrittenen Golf-Reife eliminieren. Und sie wissen halt, wie man Linksgolf spielt!

„Es geht um Kreativität“

Mark O‘Meara, 56 Jahre alt, zum Beispiel. Tiger Woods‘ bester Kumpel rang dem Kurs eine – vom Eagle an der Par-fünf-17 gekrönte – Vier-unter-67 ab und sortierte sich direkt hinter Erstrunden-Primus Zack Johnson (USA/66 Schläge) und neben dem Spanier Rafael Cabrera-Bello ein. „Beim Linksgolf kommt es nicht auf schiere Kraft und Länge an“, erzählte der Masters– und Royal-Birkdale-Sieger von 1998 anschließend. „Es geht um Kreativität, um das ,Shotmaking‘. Du musst darüber nachdenken, wo der Ball landen soll.“

Landsmann Tom Lehman (54), Champion 1996 in Royal Lytham & St Annes, spielte sich mit 68 Schlägen ebenfalls weit nach vorn. Sogar Todd „Wer?“ Hamilton (47), der 2004 die Open Championship in Royal Troon gewonnen hat, sonst aber weder davor, noch danach irgendwie aufgefallen ist, meldete sich mit einer Zwei-unter-69 mal wieder auf der ersten Seite eines Leaderboards zurück.

Techniker: Miguel Ángel Jimenéz zaubert aus dem Sodenbunker.

Techniker: Miguel Ángel Jiménez zaubert aus dem Sodenbunker.

Jiménez lässt’s krachen

Miguel Ángel Jiménez nicht zu vergessen. Der exzentrische Spanier, seit Hongkong 2012 mit seinen damals fast 49 Jahren ältester Sieger auf der European Tour, knallte über die Frontnine „Fünf unter“ aufs Waschbrett-Parkett, sammelte im Lauf der zweiten Schleife noch zwei Bogeys ein und ging als geteilter Dritter zur bevorzugten Afterwork-Runde mit Montecristo und Rioja über. Keegan Bradley war Zeuge: „Als ich nach meiner Runde auf der Range war, schlenderte Miguel vorbei, mit Flieger-Sonnenbrille vor den Augen, Zigarre im Mund und einer Flasche Wein in der Hand – er ist echt der coolste von allen.“

Kraftakt: Tiger Woods beim Befreiungsschlag aus Muirfields zähem Rough.

Kraftakt: Tiger Woods beim Befreiungsschlag aus Muirfields zähem Rough.

Tiger nicht astrein, aber am Ende souverän

Über Tiger Woods muss man nicht viele Worte verlieren. Der 14-fache Major-Triumphator ist für die Buchmacher aussichtsreichster Kandidat auf den Claret Jug. Er startete mit einem Snaphook, den ESPN-Kommentator Paul Azinger als „schlechtesten Schlag des Tages am ersten Abschlag“ einstufte. Dann reizte Woods das Regelwerk mal wieder bis zum Anschlag aus, als er beim nachfolgenden „Unspielbarkeits“-Drop das von den Zuschauern am Fairwayrand niedergetrampelte Gras zur besseren Ball-Lage ausnutzte. Ganz astrein war das nicht.

Überdies spielte er nach dem missglückten Auftakt-Drive einen provisorischen Ball. Das war zwar regelkonform, aber letztlich nichts anderes als ein Übungsschlag. Weil bei so vielen Beobachtern die Gefahr eines verlorenen Balls denn doch äußerst gering ist.

Dafür bewies der Weltranglisten-Erste als einer der wenigen Nachmittagsstarter mit eine positiven Bilanz (vier Birdies, ein Bogey) auf der deutlich schweren zweiten Halbrunde von Muirfield seine Ausnahme-Qualitäten. Damit ist alles gesagt. Woods hatte nach seinem 69er-Umlauf auch nichts zu meckern.

„Hört auf zu heulen!“

Phil Mickelson und Ian Poulter umso mehr. In seltener amerikanisch-englischer Einigkeit maulte der eine vor der Presse, der andere via Twitter über das Platz-Set-up und die Fahnenpositionen. Mickelson diktierte den Journalisten erst „äußerst schwierige Bedingungen und den Vorteil der frühen Startzeit“ in die Blöcke und legte dann einen ziemlich ironischen Seitenhieb gegenüber dem Royal & Ancient Golf Club of St. Andrews nach. Der Open-Veranstalter habe offenbar „seinem Ego“ freien Lauf gelassen und auf den vor Trockenheit und Härte fast „toten Grüns“ einige „irre Stellen“ für den Pin ausgeguckt.

Stein des Anstoßes: Die Fahnenpositionen am ersten Open-Tag.

Stein des Anstoßes: Die Fahnenpositionen am ersten Open-Tag.

Poulter war drastischer: „Unglücklicherweise haben die Burschen heute mit ein paar Fahnenpositionen ziemlich daneben gelegen. Das achte Loch ist ein Witz; auf der 18 fehlen bloß noch eine Windmühle und ein Clownsgesicht.“ Will heißen: Kirmesgolf!

Beinahe ebenso unisono fielen einige der Reaktionen aus. Beispielsweise die der Ex-Open-Champions O‘Meara und David Duval (2001/Royal Lytham & St Annes) aus: „Sie sollen aufhören zu heulen!“

Rough fordert erste Opfer

Von den Grüns ins Rough. Das nahezu undurchdringlich dichte und fette Rauhe am Rand von Muirfields Spielbahnen hat seine ersten Opfer gefordert. Nein, es sind nicht die zahlreichen Schlagverluste gemeint, weil verirrte Bälle meist bloß rausgehackt werden können!

Thomas Björn zimmerte die Kugel aus den Wicken an der Eins mitten in die Linse einer ESPN-Kamera und sorge damit für 80.000 Dollar Sachschaden. Charl Schwartzel pfefferte nach einem verunglückten Rettungsschlag auf der 15 sein Eisen acht wutentbrannt auf den brettharten Boden (zu sehen hier)und durfte anschließend mehrere Teile einsacken. Der Schaden hält sich vermutlich in Grenzen, sein Ausrüster wird ihm sicher ein neuen Schläger schenken.

Verloren: Rory McIlroy erlebt bei der Open sein Allzeittief.

Verloren: Rory McIlroy erlebt bei der Open sein Allzeittief.

McIlroy: Selbstdiagnose Gehirntod!

Am Schluss steht bekanntlich immer der Epilog, der Abgesang sozusagen: Neulich in Irland fühlte sich Rory McIlroy bloß „a little bit lost“ [ein wenig verloren], als er am Cut scheiterte. Nach seinem neuesten Allzeittief, der Muirfielder Auftaktrunde von unterirdischen Acht über Par, attestierte sich der sinn- und schwungsuchende Noch-Weltranglisten-Zweite den temporären Gehirntod: „It‘ just so brain dead.“ Der Rest war Ratlosigkeit. Die Erklärungen für das anhaltende Formtief sind dem 24-Jährigen längst ausgegangen: „Ich versuche ja, irgendwie aus dem Loch herauszukommen. Ich weiß bloß absolut nicht wie!“

Der irische Journalist Brian Keogh nannte den Auftritt eine „Comedy mit blöden Fehlern, Leichtfertigkeit, falschem Kurs-Management und purem Wettkampf-Rost“. Wetten, es dauert nicht lange, und der Erste diagnostiziert beim zweifachen Major-Sieger das David-Duval-Syndrom!

Gerry McIlroy hat übrigens Geld drauf gesetzt, dass sein Filius vor dem 25. Lebensjahr die Open gewinnt. Muirfield ist dafür die letzte Chance, aber die Wette dürfte Rorys Dad schon nach der ersten Runde verloren haben.

The Open Championship im Internet
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