Lee Westwood und die diametrale Duplizität

Was vom dritten Open-Tage übrig blieb …

Am Sonntag vor drei Wochen hat der Schotte Andy Murray auf Englands erlauchtem Tennis-Rasen den Gold-Pokal von Wimbledon gewonnen. Als erster Brite seit Fred Perry 1936 übrigens. Heute, drei Wochen später, in Muirfield hat‘s der Engländer Lee Westwood in der Hand, auf schottischem Boden den silbernen Claret Jug als Siegertrophäe der Open Championship zu gewinnen.

Lee Westwood: Erster englischer Open-Sieger seit 1992 und  Nick Faldos Nachfolger in Muirfield?

Lee Westwood: Erster englischer Open-Sieger seit 1992 und Nick Faldos Nachfolger in Muirfield?

Das wär‘n Ding! Eine diametrale Duplizität der Ereignisse quasi. Nektar und Ambrosia, Myrrhe und Chrisam für das Selbstverständnis der britischen Sportseele. Christopher Froome nicht zu vergessen, der heute Nachmittag in Paris als Tour-de-France-Sieger und Nachfolger des Volkshelden Bradley Wiggins vom Rad steigt.

Die Engländer feiern Golf-Renaissance

Während die Briten also insgesamt einen netten Sportsommer erleben, feiern die Engländer unter ihnen heuer ein bisschen Golf-Renaissance. Justin Rose hat die US Open gewonnen. Auf dem East Course des Merion Golf Clubs, mit seinen kaum 50 Hektar eher ein Golf-Diorama als eine große Bühne, was diesem Major den liebevoll-spöttischen Beinamen „Boutique“-Open einbrachte. Vor ihm bekam das zuletzt Tony Jacklin 1970 in Minnesota hin. Bei der britischen „Offenen Golf-Meisterschaft“ datiert der „jüngste“ englische Sieg nicht ganz so lange zurück: Nick Faldo, heute „Sir Nick“, nicht zu verwechseln mit Harry Potters fast kopflosem Geisterkumpel, gewann 1992 – in Muirfield.

Das Leaderboard für einen ganz sicher spannend, vielleicht sogar dramatischen Open-Sonntag.

Das Leaderboard für einen ganz sicher spannend, vielleicht sogar dramatischen Open-Sonntag.

Im 62. Major endlich der Erfolg?

Vielleicht gibt‘s irgendwann auch einen „Sir Lee“: Den „Basis“-Orden OBE hat Westwood schon. Für den Ritterschlag aber müsste der stets etwas füllig wirkende Profi allmählich mal mit dem ersten ganz großen Titel anfangen. Diese 142. Open Championship ist das 62. Major des 40-Jährigen aus Robin Hoods Grafschaft Nottinghamshire, der aber längst in Florida lebt und dem man allenthalben bescheinigt, er sei der beste Golfer seiner Generation ohne Major. Fünf Mal war Westwood Dritter. Beim Masters 2010 fing ihn Phil Mickelson noch ab. Bei der Open im selben Jahr musste er sich nur Louis Oosthuizen geschlagen geben. Es wäre an der Zeit…

Tiger Woods in die Schranken gewiesen

Den ersten Schritt hat Westwood am Samstag gemacht. Seine Halbfinal-Aufgabe, könnte man sagen: Er hat Tiger Woods in die Schranken gewiesen, als beide gemeinsam im vorletzten Flight auf die dritte Runde gingen und Westwood den Weltranglisten-Ersten um zwei Schläge hinter sich ließ.

Tiger Woods: Noch nie ein Major gewonnen, wenn er nicht nach der dritten Runde geführt hat.

Tiger Woods: Noch nie ein Major gewonnen, wenn er nicht nach der dritten Runde geführt hat.

Immerhin sagt die Statistik, dass der haushohe Favorit Woods keins seiner 14 Major-Turniere gewonnen hat, ohne als Führender nach 54 Löcher ins Finale zu gehen. Das nennt man auch eine Serie. Für Westwood eine positive. Verlassen will er sich freilich nicht drauf. Bei Woods muss man mit allem rechnen.

„Ich weiß, wie man Majors gewinnt“, hat der Tiger gesagt, als ihn die Journaille auf seine „ungünstige“ Ausgangsposition als geteilter Zweiter ansprach. Und: „Er [Westwood] weiß, wie man Golfturniere gewinnt.“ Eine Aussage mit Interpretationsspielraum.

„Ich kann ja mit Messer und Gabel umgehen“

Westwood redet die allgemeine Erwartungshaltung natürlich runter. „Ich habe auch keinen Druck, wenn ich zum Dinner gehe, denn ich kann ja mit Messer und Gabel umgehen“, gab er zu Protokoll. Und zeigte dabei seine naiv-“staunende“ Miene, die ihm nicht immer zum Vorteil gereicht. Dass keine Missverständnisse aufkommen: Dieser Lee John W. ist vermutlich ein dufter Typ, auf jeden Fall ein phänomenaler Golfer – und er weiß genau, was Sache ist. Nicht nur heute.

Lee Westwood am Abschlag: "Ich fühle ja auch keinen Druck, wenn ich zum Dinner gehe."

Lee Westwood am Abschlag: „Ich fühle ja auch keinen Druck, wenn ich zum Dinner gehe.“

Was sonst noch war am „Moving Day“ der Open? Muirfield war nicht ganz so borkig wie in den Tagen zuvor, weil der R&A des nächtens die Wasserhähne etwas weiter aufgedreht hat. Amtssprachlich lautete das im R&A-Bulletin zum Kurs-Set-up so: „ “The firmness values of the greens have been reduced marginally.” Nach Meinung des Südafrikaners Richard Sterne haben die Open-Granden damit in letzter Sekunde „ein Desaster“ verhindert: „Der Platz war nahezu unspielbar.“

Charl Schwartzel zahlt’s der 15 heim

Trotzdem rangierten zum Schluss nur noch drei Spieler unter Par (Westwood, Woods und Hunter Mahan). Trotzdem rannten die Bälle auf den Fairways weiterhin fast so wie bei Don Johnsons gewonnener Wette gegen „Tin Cup“ Kevin Costner. Charl Schwartzel, der mit dem zerdepperten Eisen sechs aus Runde eins, hat‘s der vermaledeiten Bahn 15 gestern aber mal so ‚was von gezeigt! Der Masters-Sieger von 2011 langte beim Abschlag derart hin, dass der Ball erst dreieinhalb Meter vor der Fahne zum Halten kam. Zur Erinnerung: Das Loch ist 410 Meter lang! Schwartzel benötigte allerdings dennoch zwei Putts.

Slow Play war auch ein Thema: der Japaner Hideki Matsuyama und Martin Laird aus Schottland mussten sich wegen Trödelns jeweils einen Strafschlag aufschreiben. Der Fall Matsuyama freilich schlug einige Wellen. Am Par-fünf-17. manifestierte das Schiedswesen in voller Bedeutsamkeit zu, als der 21-Jährige einen Tick zu lang darüber nachdachte, wie wohl am besten aus dem Rough zu kommen sei.

Der Fall Matsuyama

Flightpartner Johnson Wagner fand das so „tragisch“, dass er sich anfangs weigerte, die „befleckte“ Scorekarte des Japaners zu beglaubigen: „Der Junge war auf dem Weg zu einer möglichen Unter-Par-Runde und hatte einen Schlag über Ginster und Pottbunker vor sich. Da hätten die Referees etwas feinfühliger sein können.“ Mit dem „Strafschlag“-Bogey auf der 17 und einem echten Bogey auf der 18 kam Matsuyama auf 73 und spielt heute vom geteilten elften statt vom geteilten neunten Platz aus um die automatische Teilnahme der diesjährigen Top-ten an der Open 2014.

Miguel Ángel Jiménez: Am dritten Tag zu oft in Muirfields Bunker. ©: TheOpen.com

Miguel Ángel Jiménez: Am dritten Tag zu oft in Muirfields Bunker. ©: TheOpen.com

Zu guter Letzt die Chronistenpflicht in Sachen Miguel Ángel Jiménez: Angesichts der bisherigen Aufmerksamkeit darf nicht unterschlagen werden, dass der Spanier die Führung verlor, weil er zu viele Fairways verfehlte, seinen Ball zu oft in allerlei Bunkern wiederfand und insgesamt sechs Schläge einbüßte.

The Open Championship im Internet
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