Bob Jones: „Gesicht eines Engels, Gemüt eines Wolfs“

Über den größten Golfer seiner, wenn nicht aller Zeit, den Mitbegründer von Augusta National und Masters …

Silberwaren: Bob Jones 1930 mit den Trophäen des Grand Slam. ©: mib

Kostbare Silberwaren: Robert Tyre Jones Jr. 1930 mit den Major-Trophäen seines Grand-Slam-Triumphs. ©: mib

Es gibt wohl kaum einen Sportplatz auf der Welt, der so mit einer Person verbunden ist wie Augusta National mit Bobby Jones. Wobei: Niemand nannte ihn „Bobby“ zu seiner Zeit, allenfalls Bob, zumeist war er Mr. Jones, Sir. Wie auch immer, sein Name steht für einen herausragenden Kurs und ein einzigartiges Turnier, aber zuvorderst für feinstes Golfspiel und untadeligen Sportsgeist. Genau deshalb hat der Golf-Held aus Georgia auch stets betont, dass er gar nicht die treibende Kraft hinter Augusta und dem Masters gewesen sei. Jones träumte zwar von alldem, war aber viel zu bescheiden, um sich derart hervorzutun.

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Doch der Reihe nach: Robert Tyre Jones Jr., benannt nach dem Großvater, wurde am 17. März 1902 in Atlanta geboren. Der schwächliche Junge nahm mit sechs Jahren erstmals einen Golfschläger in die Hand, hatte aber niemals Golfunterricht. Jung-Robert lernte, indem er während der Sommerferien den Pro des East Lake Golf Clubs, Stewart Maiden, beim Umgang mit Kunden beobachtete. 1916 betrat der Anwaltssohn bei der US-Amateur-Meisterschaft in Merion erstmals die große Golfbühne. Er gewann zwar nicht, aber sein Talent ließ aufhorchen.

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Perfektionist voller Selbstzweifel

Als Golfer war der charmante und charismatische Jones ein introvertierter Perfektionist, aber auch ein cholerischer Typ, wenn es um die eigene Leistung und die eigenen Erwartungen ging. Der US-Sportreporter Grantland Rice charakterisierte das so: „Er hat das Gesicht eines Engels, aber als Spieler das Gemüt eines Wolfs.“ Nichts und niemand setzte Jones mehr unter Druck, als er sich selbst. Von Stress und Selbstzweifeln geplagt verlor er während seiner Turniere regelmäßig pfundweise an Gewicht. Golfjournalist O.B. Keeler, der Jones von Jugend an als Chronist begleitete, schrieb ihm dazu einmal: „Wenn Du einfach akzeptierst, dass Du bei jedem Turnier der Beste bist, der antritt, dann wirst Du bald ein Major und noch viele weitere gewinnen.“

1923 war es soweit: Am 18. Loch des Stechens um die US Open im Inwood Country Club/Bundesstaat New York sicherte sich Jones gegen Bobby Cruickshank eben diesen ersten großen Triumph. Es folgte eine siebenjährige Dominanz, die im Golf ihresgleichen sucht: 1930 krönte Jones seine Karriere mit dem Grand Slam (ein Begriff, den O.B. Keeler vom Kartenspiel Bridge entlehnte): Er gewann in ein und demselben Jahr die US Open und die British Open sowie die jeweiligen Amateur-Meisterschaften, die damaligen Majors eben. Den Schlusspunkt setzte der 28-Jährige am 27. September, als er seinen Finalgegner Eugene Homans im Merion Golf Club mit 8 & 7 schlug (das Bild unten zeigt ihn mit der US- Amateur-Trophäe). Zwei Monate später trat Jones als 13-facher Majorsieger offiziell vom Turnier-Golf zurück. Was kaum einer verstand.

 

Der Nationalheros indes hatte den Rummel satt. Er war‘s leid, ständig im Mittelpunkt zu stehen, umschwärmt und belagert zu werden. New York veranstaltete sogar zwei Konfettiparaden für ihn, 1926 nach dem Gewinn der British Open im Royal Lytham & St Annes Golf Club sowie 1930 nach den Majorsiegen bei der Open Championship in Royal Liverpool und bei der British Amateur in St. Andrews.

Meisterschaftsgolf als Käfig

Jones selbst empfand Meisterschaftsgolf ohnehin zunehmend als „Käfig, in dem es niemand auf Dauer aushält“. Höflich, wie der Gentleman-Golfer war, ließ er bei Turnieren die Zuschauer so nah an sich heran, wie seitdem wohl kein Star seiner Zunft mehr. Niemand blieb ohne Aufmerksamkeit, ohne ein nettes Wort, ohne Autogramm oder Ratschlag.

Überdies war Jones Amateur aus Prinzip. Der Jurist betrieb in Atlanta eine Kanzlei, spielte nur 80 Golfrunden pro Jahr, die Meisterschaften und allenfalls einige Vorbereitungsturniere, und las stattdessen Goethe im deutschen Originaltext.

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Jones gehörte nie zum Tour-Betrieb, die Profis kamen für ihn Vagabunden, fahrendem Volk gleich. Er spielte Golfturniere in Clubs, wo seinesgleichen Mitglieder waren, gegen Leute, die dort arbeiteten. Während Amateure wie er als „Mr.“ auf den Anzeigetafeln geführt wurden, tauchten Professionals schlicht mit dem Nachnamen auf.

Jones hatte jedoch ebenfalls begonnen, mit Golf Geld zu verdienen: Als Berater im Platzbau und als Schlägerentwickler bei Spalding, wo er die Stahlschäfte protegierte und die Namen der Schläger durch die noch heute gültige Nummerierung ersetzte. Das Hollywood-Filmstudio Warner winkte zudem mit einem hoch dotierten Vertrag. 120.000 Dollar bekam Jones 1931 für eine Serie von zehn Lehrfilmen mit Zelluloid-Größen, aber Golf-Hackern wie Harold Lloyd als Schüler, das gleiche Honorar erhielt „Ausbilder Bob“ für die zweite Staffel.

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All das war mit dem Amateur-Status natürlich unvereinbar. Und sowieso, Jones war auf dem Höhepunkt seiner Karriere, nach 13 Siegen in 21 Majors gab es nichts mehr zu gewinnen. Es gab noch keine PGA Championship als Major. Die war zu seiner Zeit bloß eine Meisterschaft für eben jene Spezies von Golfern, die sich für eine Handvoll Dollar als Spieler, Teaching Pros oder Platzwarte verdingten. Und es gab kein Masters.

Vision vom idealen Platz wurde Realität

Das rief er selbst ins Leben. Mit Clifford Roberts, der Jones‘ Traum vom „idealen Golfplatz“ kannte und ihm die brachliegende einstige Plantage und Baumschule in Augusta zeigte. „Das Gelände kam mir vor, als habe es die ganzen Jahren nur darauf gewartet, dass hier jemand einen Golfplatz baut“, notierte Jones in seinen Erinnerungen. Und weil „niemand lernen kann, wie man einen Platz baut, nur weil er – egal, wie gut – Golf spielt“, zog er Dr. Alister MacKenzie, Schöpfer solcher Juwelen wie Cypress Point und Pasatiempo, als Architekten hinzu. Der Schotte versprach zudem eine kostengünstige Bauweise. Ein nicht zu verachtender Aspekt, immerhin litten die USA noch unter den Ausläufern der Weltwirtschaftskrise. Auch das Budget für Augusta National fiel wahrlich nicht unbegrenzt aus.

1933 hatten Jones und Roberts ihren Meisterschaftsplatz. Nur das angemessene Turnier fehlte noch. Die US Open sollten es eigentlich sein, aber die finden seit Anbeginn im Juni/Juli statt, da herrscht in Georgia unerträglich schwüle Hitze. Weil der amerikanische Golfverband USGA den Termin partout nicht ins Frühjahr verschieben wollte, schlug Roberts eine eigenes Einladungsturnier für die besten Golfer vor und überredete seinen Partner zum Comeback.

Flaggen auf Halbmast in St. Andrews

Zum Debüt des „Augusta National Invitational“ 1934 reisten die Fans aus 38 US-Staaten an, um ihr Idol wieder spielen zu sehen. Bob Jones wurde 13. Es sollte sein bestes Masters-Ergebnis bleiben. 1948 spielte er seine letzte Runde Golf, dann wurde bei ihm Syringomyelie, eine unheilbare Rückenmarkserkrankung, diagnostiziert.

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Der größte Golfer seiner, wenn nicht gar aller Zeit verstarb am 18. Dezember 1971. 23 Jahre hatte er seinem Leiden mit der Bemerkung getrotzt: „Man spielt den Ball, wie er liegt.“ Als die Nachricht von Jones‘ Tod in St. Andrews ankam, wo er zwei Majors gewonnen hatte und 1958 als zweiter Amerikaner nach Benjamin Franklin zum Ehrenbürger ernannt worden war (Bild oben), wurden am Old Course die Flaggen auf Halbmast gesetzt.

Credits:
 Bobby  Jones – Golf is my Game, Flagstick Books
 Life & Times of Bobby Jones, Sleeping Bear Press
 Augusta National and The Masters, Sleeping Bear Press
– last, but not least: der Kopf des Autors
  
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