Linksgolf: Wie die Altvorderen das Spiel definierten

Alfred Dunhill Links Championship: Golf auf geschichtsträchtigen Schauplätzen …

Hier an Schottlands Ostküste hat wahrscheinlich alles angefangen: Irgendwo nördlich der Hauptstadt Edinburgh, auf dem Boden der Grafschaften Fife und Angus, wo an diesem Wochenende in St. Andrews, Carnoustie und Kingsbarns die Alfred Dunhill Links Championship gespielt wird. Irgendwann vor knapp 600 Jahren, als der Müßiggang mit Schläger und Ball auf den Links, den unfruchtbaren Streifen zwischen Küstenlinie und Ackerland, begann, sich zu dem zu entwickeln, was wir heute Golf nennen.

Alte Plätze sind das Fundament des Golfsports

Die alten Plätze wie der legendäre Old Course von St. Andrews oder die Links von Carnoustie sind das Fundament des Golfsports, die Stammzellen für das Wesen des Spiels. Ihre Entstehung verbindet sich mit den ganz großen, fast mythischen Namen aus der grauen Golf-Vorzeit: Old Tom Morris, der 1867 die zehn Bahnen rund um Carnousties berühmten Wasserlauf Barry Burn auf 18 Loch erweiterte und bis 1903 als „Custodian of the Links“ in St. Andrews über den Old Course wachte; James Braid, der 1926 in Carnoustie noch mal bauen ließ; Alister MacKenzie, der spätere Schöpfer von Augusta, der Old Toms Werk auf dem Old Course ab 1924 fortsetzte.

Kingsbarns

Linksgolf auf Kingsbarns: Das beste, was dieses Spiel zu bieten hat. Foto: MiB

Auch südlich von St. Andrews, in Kingsbarns, wurde Ende des 18. Jahrhunderts auf den Cambo Links schon Golf gespielt, bevor Ackerbau und Viehzucht zwischenzeitlich doch lukrativer erschienen. Doch pünktlich zum neuen Jahrtausend entstand jenes Meisterstück namens Kingsbarns Golf Links, das die Architekten Kyle Phillips und Mark Parsinen so genial aus dem einstigen Farmland modelliert haben, als hätte es sich schon ewig an dieser Stelle erstreckt.

„Linksgolf is real Golf“

„Linksgolf,“ sagen sie bei der Alfred Dunhill Links Championship nicht zu Unrecht, „ist für manche die reinste Form von Golf.“ Der Wind ist eigentlich immer im Spiel. Das Wasser als Kulisse sowieso. Oft auch als Niederschlag. Auf dem spröden Sandboden springen die Bälle Trampolin zwischen Ginster und Rispengräsern. Flach schlagen ist ein Muss, hoch gewinnen vor allem eine Frage der Witterung. „Links golf“, sagt der britische Autor David Worley, „is real golf.“ Das muss man nicht übersetzen.

 

„Links“, definiert das Oxford Dictionary, „ist flacher oder gewellter Sandboden an der Küste, bewachsen mit Rasen oder grobem Gras.“ Links, so wird vermutet, stammt vom altenglischen hlinc, gleich unfruchtbar, dürr. Linksland war nutzloses Land, damals in Schottland. „Barren land“, wie es im Englischen heißt, die Verbindung (link) zwischen der See und den Humusböden, zwischen Wellenschlag und Stadtmauer. Kaninchenland. Von Wind und salzigem Wasser heimgesucht. Allenfalls karge Weide für anspruchslose Schafe. Irgendwann droschen gelangweilte Schäfer mit dem gekrümmten Ende ihres Hirtenstabs Steine in Karnickellöcher.

Wer hat’s erfunden?

Die schöne Mär von der Genesis auf den Links hat leider einen Malus. Sie stimmt nicht! „Gowf“, das heutige Golf, ist in seinen Ursprüngen eine Melange aus all den Vergnüglichkeiten mit Stecken und Ball, denen sich der Homo Ludens, der spielenden Mensch, seit Anbeginn seiner Existenz hingibt. Kolven oder Colf in den Niederlanden, Chole in Flandern, Jeu de Mal in Frankreich, Chuiwan in China und so weiter. Aber das ist eine andere Geschichte.

Allerdings erklärt die Legende immerhin die Platzierung der ersten Spielstätten. Vor trutzigen Küstenkäffern wie St. Andrews, Berwick oder Musselburgh haben die Schotten Golf den Boden bereitet, in übertragenem Sinn und wortwörtlich. Die Linksgolfplätze, die es in die Moderne geschafft haben, sind „ein Erbe, das bewahrt und erhalten werden muss, denn es verkörpert die Geschichte dieses Spiels“, schreibt David Worley in seinem Augenweide-Bildband „Journey Through the Links“.

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Golf anno dunnemals: Herrenrunde auf den Links von Carnoustie. Foto: MiB

150 bis 160 „echte“ gibt es noch, die meisten davon auf den Britischen Inseln. Grandiose, ruhmreiche Spielplätze, hunderte von Jahren alt, Sehnsuchtsorte für leidenschaftliche Golfer . Dazu weltweit gut zwei Keg (alte englische Maßeinheit) an „Frischlingen“, 100 bis 120 vielleicht, wunderschöne Anlagen, deren erfolgreiche Zukunft im Reiz der Vergangenheit liegt.

Sie alle sind gesuchte Raritäten, Kleinode samt und sonders – auch wegen des Naturschutzes und der strengen Auflagen –, die gemeinsam kaum ein Prozent der geschätzten 30.000 Golfplätze auf dem Globus ausmachen. Aber „die klassischen Linkskurse“, konstatiert der kanadische Golf-Journalist Lorne Rubenstein, „sind das Beste, was dieses Spiel zu bieten hat.“

Plagiate mit gestalterischem Unfug

Nicht gemeint ist all der gestalterische Unfug, dem Linkselemente aufgepfropft wurden, obwohl sie an diesem Ort nie und nimmer zum originären Landschaftsbild gehören. Es sind ebensolche Absurditäten wie die Begrifflichkeit, die ihretwegen kreiert wurde: Inland Links, ein Widerspruch in sich, so wie es bei Pferden keine schwarzen Schimmel gibt. Plagiate, die allenfalls im Linksstil gebaut sind und mit enormem Aufwand und oftmals grotesken Ergebnissen vortäuschen, was die Natur mit splendider Leichtigkeit in die DNA der „True Links“ eingebracht hat.

 

Linksland liegt IMMER am offenen Wasser, an der See, an großen und kleinen Buchten. Bretthart im Sommer, durch den Sandboden bestens entwässert in Niederschlagsphasen. Bewachsen mit Strandhafer und Schwingelgras, Heidekraut und Ginster. Linksland kann küstentypischen Baumbestand, muss aber keine Dünen haben. Linksland braucht keine Wasserbeigaben, seine Flora hat ihre Widerstandskraft schon lange vor Dünger und Pestiziden bewiesen.

Kunstfertigkeit obsiegt über Schlagstärke

Die Linksgolfplätze sind wie das Land, das sie trägt. Urwüchsig. Ungekünstelt. Naturbelassen. Die elastischen welligen Böden mit ihren borstigen Grasdecken lassen Bälle verspringen, kleine und tiefe Topfbunker lassen sie verschwinden. Fairways und Grüns sind bretthart und schnell, die Schläger wollen gefühlvoll gehandhabt sein. Ein wohldosierter „bump an run“ ist besser als jeder noch so weite hohe Ball in den meist kräftigen Wind. Flache Bälle sind angesagt, mit langem Auslauf. Kunstfertigkeit obsiegt über Schlagstärke.
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Oder wie es der Australier Peter Thomson formulierte, der die Open Championship zwischen 1954 und 1965 fünf Mal gewann: „Für mich war der Bounce [Aufprall] neben Länge und Richtung immer die dritte Dimension beim Golf. Es ist schade, dass die meisten Golfplätze den Einfluss dieses Elements ausschalten und Golf damit zu so was wie Bogenschießen oder Dart machen. Golf wird erst auf harten Kursen wirklich schwierig und anspruchsvoll.“

Genau so haben die Altvorderen mit ihrem damaligen Material Golf definiert.

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