Verbaler Musketier von obsessiver Unverblümtheit

Zum 57. Geburtstag von David Feherty …

David Feherty ist eine grandiose Type. Eine echte Marke. Eine Kodderschnauze. Ein David Letterman oder Jay Leno der Golf-Medien. „Jon Stewart in Golfschuhen” nannte ihn mal der Orlando Sentinel. Seine Auftritte als Spieler-Ansager bei Turnieren sind Internet-Hits, Interviewfragen und Gesprächsanmerkungen regelmäßig Schenkelklopfer, seine Sprüche nahezu legendär.

Tiger Woods zwischen 1997 und 2005 Golf spielen zu sehen, war, als würde man ein Wesen aus einer anderen Welt erleben. Mein Job ist es, vorherzusagen, was Spieler in einer bestimmten Situation tun, und nie hielt ich mich dafür weniger geeignet als bei ihm. Von seiner Sorte gab‘s keine zwei auf Noahs Arche.

Heute hat Feherty Wiegenfest. Er wird 57. Es ist kein runder Geburtstag, eine Laudatio drängt sich nicht wirklich auf. Aber man soll die Feste bekanntlich feiern, wie sie fallen. Erst recht als bekennender Feherty-Fan.

Famose Kodderschnauze: David Feherty.

Famose Kodderschnauze: David Feherty.

David Feherty also. Ohne Mittel- oder Spitzname. Geboren am 13. August 1958 in Bangor/Nordirland, eine Autostunde entfernt vom Golfplatz-Kronjuwel Royal County Down. Was wunder, dass Klein-David sich mit 16 vornahm, hauptberuflicher Golfspieler zu werden, 1976 wechselte er ins Profilager:

Fünf Siege auf der European Tour, Kapitän des siegreichen Alfred-Dunhill-Cup-Teams 1990, Ryder-Cup-Spieler unter „Skipper“ Bernard Gallacher 1991, „The War at the Shore“ auf Kiawah Island an der Seite von Langer, Ballesteros, Montgomerie und Co., Einzelsieg über Payne Stewart, aber 13,5:14,5-Niederlage Europas – wir erinnern uns alle an Bernhard Langers unglücklichen Putt. 1994 und 1995 versuchte sich Feherty auf der PGA Tour, insgesamt verdiente er knapp drei Millionen Euro Preisgeld.

„Wenn ich nicht Golfer geworden wäre, dann hätte ich eine Laufbahn als Operntenor eingeschlagen. Ich singe schon mein ganzes Leben und hatte als Kind eine wunderbare Stimme. Ich hab‘ sogar für die Oper in Belfast geübt. Aber dann saß ich in einer langweiligen Erdkunde-Stunde und durchs offenen Fenster duftete das frischgemähte Gras, während wir die durchschnittlichen Niederschlagsmengen von Samoa paukten. Und ich dachte, wie nützlich ist das denn, ich sollte besser Golf-Profi werden.“

1997 folgte der Wechsel ins Medienfach: Analyst, Feldreporter und Kommentator bei CBS und beim Golf Channel, Kolumnist für das Golf Magazine, seitJuni 2011 Gastgeber der Golf Channel-Talkshow, die seinen Namen trägt.

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Feherty ist Autor vier ebenso informativer wie vergnüglicher Bücher mit den beziehungsreichen Titeln A Nasty Bit of Rough, Somewhere in Ireland a Village Is Missing an Idiot, An Idiot for All Seasons sowie David Feherty’s Totally Subjective History of the Ryder Cup und lebt als mittlerweile amerikanischer Staatsbürger samt glühendem US-Patriotismus mit seiner zweiten Frau Anita und den fünf gemeinsamen Kindern in Dallas/Texas. Soweit die Biographie in Kürze. Gerecht wird sie, derart dürr, der Person David Feherty nicht.

Dank Haar- und Barttracht ginge der Jubilar als skurrile Besetzung für den nächsten Mantel-und-Degen-Musketier-Film durch. Manchmal erinnert sein Anblick auch an die Maske der gesellschaftskritischen Anonymus-Aktivisten. Beide Vergleiche sind so falsch nicht. Feherty handhabt seinen verbalen Degen mit der Schlagfertigkeit, Präzision und Stichtiefe eines D‘Artagnan – na, besser Athos, vom Alter her. Er ist spöttisch, vorlaut, penetrant, gelegentlich boshaft. Und von geradezu obsessiver Unverblümtheit. „Ich sage, was ich für die Wahrheit halte. Manchmal kommt es brutal ehrlich und politisch nicht korrekt rüber. Dahinter steckt allerdings vor allem pure Faulheit, mir fehlt einfach die Energie für irgendwelches ,Rumgeeiere‘.“

„Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir auf diesem Planeten noch bleibt. Aber es ist garantiert nicht genug, um irgendeinen Scheiß zu reden, nur um die Leute glücklich zu machen.“

Feherty eckt permanent an. Da hilft es ihm kaum, dass er sich selbst am wenigsten wichtig nimmt, dass seine nicht selten maliziösen Seitenhiebe stets auf einer veritablen Selbstironie fußen. Im Zweifelsfall wird ihm das ohnehin als Koketterie ausgelegt. Zumal er aus seiner extrem konservativen Gesinnung und dem Faible für den republikanischen Bush-Clan kein Hehl macht: „Ich glaube an die Todesstrafe, besonders für Hersteller von Massenvernichtungsmitteln, für Kinderschänder, Gegner der Homo-Ehe und Football-Spieler, die nach einem Touch-down in der Endzone idiotische Tänze aufführen.“

 

Ein typisches Feherty-Statement: Ernst gemeintes mit Nonsens-Appendix. CBS musste die Wogen glätten: „In diesem Fall hat Mr. Feherty die Humorgrenze überschritten“, entschuldigte sich der Sender. „Wir hoffen, dass er seine Worte künftig besser abwägt.“ Drauf gepfiffen, wird der Gemaßregelte gedacht haben, geändert hat er sich jedenfalls nicht.

„Meine größte Leistung ist vermutlich, noch nicht tot zu sein. Wenn jemand ein Buch über mich schreiben würde, müsste der Titel wohl lauten: „Echt, der ist noch am Leben?“

Dem oberflächlichen Betrachter mag der Mann mit dem kuriosen Hobby des Vorderladerschießens als Hofnarr im Königreich des kleinen weißen Balls erscheinen, als trauriger Clown des Golf-Zirkus. Aber wie so oft steckt hinter der Maske des Provokateurs und Zynikers eine tiefe Seele. Abgrundtief.

„Mein gewöhnlicher Geisteszustand ist der Wandel an der Grenze zur Panik. Ich bin hoffnungslos unsicher und ständig mit der Frage beschäftigt, was wohl zwangsläufig als nächstes passiert. Die Soldaten, um die sich meine Stiftung ,Troops First Foundation‘ kümmert, leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Ich habe auch PTSD, aber bei mir sind es prätraumatische Belastungsstörungen. Ich bin absolut sicher, dass irgendwas Schlimmes passiert, aber ich weiß nicht, wann.“

Feherty war heftiger Trinker und schwerst depressiv. „Ich habe den Alkohol benutzt, um meine inneren Dämonen zu besänftigen“, sagte er bei seinem Outing 2006.

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Im gleichen Atemzug freilich pöbelte er gegen den Scientologen Tom Cruise und die Behauptung des Hollywood-Stars, Depressionen ließen sich am besten durch körperliche Anstrengung kurieren: „Stimmt. Wenn ich die Sch… aus Tom Cruise raus prügeln könnte, würde ich mich deutlich besser fühlen.“

„Mit meinem Traumflight würde ich den Old Course in St. Andrews spielen. US-Präsident Thomas Jefferson wäre dabei, mein Vater, obwohl er Alzheimer hat und nicht mehr weiß, wer ich bin. Die Vierte im Bunde wäre Annika Sörenstam. Ich hatte noch nie Gelegenheit mit ihr zu spielen.“

Dass Feherty Golf mit jeder Faser und aus tiefstem Herzen liebt, muss nicht weiter ausgeführt werden. An seinem Geburtstag ist der Mann, der im Februar 2008 beim Radfahren von einem Lkw angefahren wurde, binnen zwei Monaten den dreifachen Rippenbruch und die punktierte Lunge auskurierte und zum Masters im April wieder bei Stimme war, auf den Fairways von Whistling Straits im Einsatz.

Immerhin ist PGA Championship, „The Season‘s Final Major“. Happy Birthday, David Feherty!

 

Die Zitate sind einem Interview von Golf.com mit Feherty aus Februar 2015 entnommen. Und „Feherty in Aktion“ findet sich hier: Feherty: Greatest Hits, Thrills & Spills.

 

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