Rottaler Tagebuch: Weiße Bälle, schwarze Boliden

Als Medialer bei der Porsche European Open in Bad Griesbach, Folge eins … 

Suzann Pettersen hat sich für „Gimme-Gate“ entschuldigt, der Aufreger des Solheim Cup ist ad acta legt, auch die Begeisterung ebbt allmählich ab: Während in den USA die 30 allerbesten Golfer der Welt momentan bei der Tour Championship im East Lake Golf Club zu Atlanta um einen randvollen Goldtopf am Ende des Saison-Regenbogens driven und putten, ist Deutschland wieder vom Golfalltag besetzt.

Zugpferd Bernhard Langer

Langer01

Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Golfern besetztes Dorf hört nicht auf… Und so weiter. Tief im Südosten der Republik, im niederbayerischen Bad Griesbach, ist der Tross der European Tour eingefallen, um die vom Sportwagen-Fabrikanten Porsche reanimierte European Open zu inszenieren. Die toureigenen „Broadcaster“ haben ein „TV Compound“ aufgebaut, das vor nicht allzu langer Zeit noch der Formel 1 zur Ehre gereicht hätte, der Titelsponsor chauffiert IMG_5603Spieler und andere wichtige Menschen mit einer Armada schwarzer Zuffenhausener Boliden, und sogar Bernhard Langer spannt sich als Zugpferd vor den Karren des Traditionsturniers, verzichtet dafür auf die „seniorenfreundlichen“ Tee-Times des Altherren-Circuits „Champions Tour“.

Immerhin hat der 58-Jährige die „European Open“ zwei Mal gewonnen, immerhin trägt der Beckenbauer-Kurs im Hartl Resort die Design-Signatur des zweifachen Masters-Siegers. Das verpflichtet, wenngleich Layout und Gestaltung letztlich der Feder des Lindauer Golfplatz-Architekten Kurt Rossknecht entsprungen sind.

Journalistische Aufgabe und Freude zugleich

Im Gegenzug haben die Organisatoren ihrem Stargast moderate Abschlagzeiten zugewiesen. Mit 12.50 Uhr am Donnerstag und 8.00 Uhr am Freitag kann Langer gut leben: „Ich erinnere mich an Zeiten , als ich um 6:50 Uhr abschlagen musste. Da war es noch halb dunkel, richtig nass und zum Teil kalt da draußen. Oder eben nachmittags um 15:00 Uhr. Dann spielt man bis abends, isst schnell etwas und muss morgens früh wieder raus“, plauderte er vor Turnierbeginn.

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Apropos „schnell ‘was essen“ und „morgens früh wieder raus“. Als Medienmensch ist unsereins ja nicht in der Sommerfrische, und das Pressezelt ist wahrlich kein Sommercamp. Obwohl Deutschlands bester Golfer Martin Kaymer dem von ihm so euphorisch begrüßten zweite Top-Herrenturnier auf deutschem Boden mit einer lauen Ausrede („Es hat einfach nicht rein gepasst“) fernbleibt: Die Porsche European Open sind mit etlichen Ex-Majorsiegern und Ryder-Cuppern namhaft besetzt, solchem Geschehen zu folgen ist journalistische Aufgabe wie Freude zugleich, was sich im folgenden Rottaler Tagebuch gewiss gut nachvollziehen lässt.

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Mein Quartier trägt den Namen der römischen Liebesgöttin. Venus-Hof: Das wirkt irgendwie seltsam schlüpfrig, so mitten in der bayerischen Provinz. Daheim hieß es schon: „Wenn Du in so einem Etablissement übernachtest, brauchst Du gar nicht mehr nach Hause zu kommen!“

Der vermeintliche Sündenpfuhl entpuppt sich indes als brave Landherberge samt Schankwirtschaft und abgelaufenem Code für den Internet-Zugang, die „Venus“-Wirtin ist von sprödem Charme, ein karges „paaascht scho‘!“ derzeit noch das Maximum an verbaler Zugänglichkeit. IMG_5526Das mitteldunkle „Weideneder Bräu“ freilich schmeckt, die irritierende Titulierung ist bloß der Nachname des Inhabers und bis zum Turnierplatz geht‘s fußläufig nur durch die rustikale Röhre unter der Bundesstraße und ein bisschen querfeldein.

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Die selbstgesetzte „Tee-Time“ kann ich heute morgen trotzdem nicht ganz einhalten. Früher war das anders, selbst mit dem „Jet Lag“ einer Anreise längs durch Deutschland, aber mir geht es wie Bernhard Langer, siehe oben, uns trennen altersmäßig ohnehin nur zwei Jahre. Ich wollte mit Graeme McDowell mitlaufen, schaffe dann allerdings locker dessen zweite Neun, trotz Umwegs übers Medienzentrum.

Ich mag den Nordiren. Vom Sehen sozusagen. Wer mitten in Florida eine Taverne eröffnet, das „Nona Blue“, um nicht zu weit weg vom heimischen Stout zu sein, seinen Buddies und Fans gelegentlich sogar selbst einen einschenkt und auch insgesamt von hedonistischem Naturell wirkt, kann kein schlechter Typ sein. Nach Erfolgen ruft „G-Mac“ gerne an und löst eine Lokalrunde aus. Aber die Spielzeit lief nicht sonderlich gut für den Ryder-Cup-Helden und US-Open-Champion von Pebble Beach 2010.

„G-Mac“ sucht Selbstvertrauen

Null Siege, als bestes Saisonergebnis nur ein dritter Platz bei den WGC-HSBC Champions, und das war im November ’14, die FedExCup-Play-offs verpasst, in der Weltrangliste von einem 15. Platz Ende 2014 auf Rang 67 abgestürzt: Der 36-Jährige ist nach Deutschland gekommen, um Selbstvertrauen und ,Momentum‘ wiederzufinden.

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„Golf hat sich für mich in diesem Jahr schwieriger angefühlt, als ich es in der Vergangenheit empfunden habe“, sagt McDowell. „Ich habe eine Auszeit genommen, den Resetknopf gedrückt und starte jetzt meine Kampagne für die nächste Saison und den Ryder Cup 2016.“ Die Porsche European Open „ist hoffentlich der Auslöser für einen starken Jahres-Ausklang!“.

Am achten Abschlag weht ein verführerischer Hauch von Bratwurst durch die Luft, mir fällt prompt ein, dass ich noch nicht gefrühstückt habe, derweil verzieht McDowell den Drive nach rechts ins Wasserhindernis und handelt sich auf dem Par-fünf-Loch ein Doppelbogey ein. 68 Schläge (-3) braucht er, das wird am Ende des ersten Tages nicht fürs Vorderfeld reichen.

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Während die Sonne erstmals im wolkenverhangenen Himmel aufs Geschehen lugt und Bernhard Langer an Tee eins eifrig beklatscht wird, verkoste ich die „Rottaler Schnitzelsemmel“. Fortsetzung folgt…

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